Armut in Tansania?

Morgens 07:45; Jan, Eva und ich gehen wie jeden Dienstag den Berg hinter unserem Haus in Uuwo hinauf zu einem unserer Projekte. Maisfelder, Bananenpalmen und einzelne Häuser mit Kuhställen begleiten uns auf unserer Strecke über die roten Erdpfade zur Kondiki Primary School. Allein sind wir aber nicht. Viele Grundschüler gehen dieselben Wege wie wir, vorbei an einem Kiosk und zuletzt ein kurzes Stück über eine der größten Straßen unseres Ortes.
Wer genau hinschaut und auch ein wenig Kisuaheli versteht, der wird merken, dass diese Kinder fast nichts als unbeschwerte Glückseligkeit ausstrahlen. Die teilweise verschmierten Münder zeugen davon, dass sie gerade noch mit ihrer Familie in ihrem Haus saßen, Chai getrunken und Uji, einen Brei aus Maismehl, gegessen haben. Jetzt sieht man sie mit abgelaufenen Schuhen über die Wege rennen und einen Fußball aus zusammengebundenen schwarzen Plastiktüten vor sich her kicken. Sobald sie in der Schule ankommen, werden sie mit ihren Freunden in der Klasse sitzen und, genau wie man es auch aus eigener Erfahrung kennt, entweder aufpassen und mitmachen oder eben die Zeit auf anderem Wege totschlagen.
Dienstag ist Markttag in Mwika, deshalb sind auch schon einige Mamas mit Bananenstauden und Körben voll Kaffee unterwegs. Auf ihren Köpfen balancieren sie ihre Waren hinunter zum Marktplatz, wo diese an jeden, der genug bietet, verkauft werden. Mit diesem Geld können die Frauen dann direkt auch das Öl und den Spinat fürs Abendessen kaufen.

Was habe ich davon mitgenommen?

In unserer Vorstellung projizieren wir oft ein Bild der Armut auf all diese Dinge. Aus eigener Erfahrung und eigener Erkenntnis kann ich aber sagen, dass die Menschen in meinem und in vielen anderen Dörfern nicht arm sind. Sie leben nach einem ganz anderen Standard als wir in Deutschland, keine Frage. Aber nur weil dieser Lebensstandard so unterschiedlich ist, heißt das nicht, dass der eine „Reichtum“ und der andere „Armut“ bedeutet.

Zum Frühstück Maisbrei gegessen? Verschmiertes Lächeln.
Mit abgelaufenen und kaputten Schuhen aus dem Haus gegangen? Damit kann ich immer noch Springseil springen und einen Fußball schießen.
Fußball aus Plastiktüten gebastelt? Den kann man eh besser hochhalten.
Den ganzen Vormittag schwer bepackt zum Markt laufen? Da kann ich mich doch gut mit den anderen Mamas unterhalten.

Dass es in Tansania und in anderen Teilen Afrikas Armut gibt, möchte ich damit gar nicht bestreiten. Aber ist das in Deutschland nicht genau das Gleiche?

Mir sind einige besondere Momente und Erinnerungen präsent, wenn ich an meine Zeit in Tansania und meinen Kontakt mit seinen Menschen zurückdenke. Drei Dinge werde ich aber nie vergessen. Zum einen die Begeisterungsfähigkeit, mit der Jung und Alt ihren Tag und ihre Aufgaben angehen und zum anderen die starke Gemeinschaft, die sich in allen Bereichen bildet. Die letzte und wichtigste Eigenschaft ist dabei aber die schon angesprochene Glückseligkeit.

Unbeschwert in den Tag gehen, sich nicht schon Gedanken über alle kommenden Dinge machen, die Dinge wertschätzen, die man hat, und nicht denen hinterhertrauern, die einem fehlen. Von Tansania und seinen Menschen werde ich ständig daran erinnert, dass glücklich sein gar nicht so schwer ist wie es teilweise aussieht. Von dieser Einstellung und Lebensweise können wir alle sehr viel lernen.

Schule und Ausbildung

In einem Bereich Tansanias, den ich ein ganzes Jahr kennen gelernt und aktiv mitgestaltet habe, zeigt sich aber dennoch eine gewisse Armut. Das Schul- und Ausbildungsprinzip Tansanias ist so ausgelegt, dass den allermeisten Kindern und Jugendlichen der Weg zu guter Bildung für immer verschlossen bleibt.
Die Grundschule ist für alle Kinder Pflicht und muss auch nicht von den Eltern finanziert werden. Ab der sechsten Klasse besteht allerdings keine Schulpflicht mehr und weiterführende Schulen kosten Geld. Bei durchschnittlich ungefähr 5 Kindern pro Frau (die eigenen Kinder sind in Tansania die Altersvorsorge) kann sich aber nicht jede Familie leisten, alle ihre Kinder weiterhin auf die Schule zu schicken. Deshalb arbeiten viele Kinder schon nach der Grundschule auf der Farm der Familie.
Wer also auf eine weiterführende Schule kommt, hat Glück, bekommt nämlich voraussichtlich einen Schulabschluss.
Doch wie ist die Qualität des Unterrichts? Staunend und auch erschrocken mussten wir feststellen, dass sehr viele Schüler, die seit zwei oder drei Jahren auf eine weiterführende Schule gehen, kaum ein Wort Englisch verstehen und es schon gar nicht sprechen können. Das Problem daran: Der gesamte Unterricht der weiterführenden Schulen findet auf Englisch statt!
Wer eine gute Schulbildung erfahren möchte, muss deshalb schon ab dem Grundschulalter eine der teuren Privatschulen besuchen. Erwartungsgemäß kann sich das aber kaum eine Familie leisten.

Für viele bedeutet das deshalb: Ausbildung und kein Studium. Hier kommt aber der nächste Stolperstein. In Tansania bekommt man während der Ausbildung keinen Lohn, sondern muss sogar dafür bezahlen. Eine weitere finanzielle Hürde, die kaum jemand überspringen kann.

Matema kann etwas für Kinder und Jugendliche bewirken

Jeder unserer Schneider*innen hat eine*n Auszubildende*n bei sich. Die Kosten für die Ausbildung werden von uns gestellt und die Arbeit entlohnt. Das ermöglicht Jugendlichen, die dazu sonst nie die Chance hätten, sich weiterzubilden und ins Berufsleben einzusteigen.

Des Weiteren finanzieren wir durch den Verkauf unserer Produkte Schulgelder von Kindern, deren Eltern sich diese nicht leisten können.

 

Die Armut Tansanias liegt in der Perspektivlosigkeit junger Menschen. Dieses Problem ist durch Matema nicht morgen oder nächstes Jahr gelöst, aber wir wollen den ersten Schritt gehen und den Menschen zeigen, wie es gehen kann.

Tino

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